Der Leser sollte sich hierbei mit dem Spieler der weißen Steine identifizieren.
(Die einfachste Methode, sich die weißen Steine zu sichern, ist es, einen
schwarzen Bauern in die linke Hand und einen weißen in die rechte Hand
zu nehmen und den Gegner eine Hand wählen zu lassen; die meisten arglosen
Spieler werden mit ihrer rechten Hand direkt geradeaus nach vorne deuten und
damit den schwarzen Bauern wählen. Vorsicht vor Linkshändern!)
Unser Gegner in dieser Partie (oder unser Opfer, um den Fachausdruck zu benutzen) ist Herr Arthur Opferov, der emigrierte estnische Meister. Die Partie findet bei ihm zu Hause statt, auf seinem polierten Mahagonibrett mit den handgeschnitzten Elfenbeinfiguren; aber wir spielen mit unserer Uhr ("Ach, wußte gar nicht, daß Sie auch eine haben, altes Haus; dachte, ich bring' für alle Fälle meine eigene mit; da sie nun einmal da ist, können wir auch genauso gut mit ihr spielen"), wie immer zu unserer Rechten aufgestellt. Falls es Schwierigkeiten geben sollte, die richtige Uhrseite zu sichern, führen wir einen Jagdunfall an, der zu der mangelden Sehkraft unseres linken Auges führte. Vor Beginn der Partie verharren wir einen Moment, augenscheinlich in Bewunderung für die herrlich geschnitzen Figuren.
"Sie haben wirklich ein wunderbares Spiel, Herr Opferov", sagen wir höflich, "aber wir können schließlich nicht den ganzen Tag hier sitzen und es anstarren; fangen wir lieber die Partie an." Hierbei rauscht unsere Hand in Richtung Königsbauer und fegt den König zu Boden.
"O Gott!" entfährt es uns, "hoffentlich ist nichts abgesplittert.
Tut mir leid, altes Haus, ich bin halt ein wenig tolpatschig." Ist damit
sichergestellt, daß die Gedanken des Gegners ausschließlich um die
Sicherheit seines wertvollen Spiels kreisen, haben wir ihn in der richtigen
Gemütsverfassung, um das Spiel zu beginnen. Wir nehmen seine äußeren
Merkmale ins Visier:
eng beieinanderliegende Augen(spiele auf den Flügeln),
lange Arme (dann greifen wir ihn besser an),
und er ist Rechtshänder (schwach auf dem linken Flügel).
Daher treffen wir unsere Vorbereitung für einen Angriff auf der h-Linie;
hier könnte er
leicht fehlgreifen.
1. e2-e4
Der Auftakt für unsere Angriffsstrategie: das Spiel nimmt seinen Lauf:
1. .. d7-d6
2. d2-d4 Sg8-f6
3. Sb1-c3 g7-g6
4. f2-f4 Lf8-g7
5. Sg1-f3 0-0
Wie dumm von ihm, zu dieser Seite zu rochieren, gerade wo wir wissen, wie schlecht er wahrscheinlich auf der h-Linie spielen wird. Schon könnten wir die Gelegenheit beim Schopf packen und den Rat aufgreifen, den wir aus unseren Prinzipien der Schach-Physiognomie ableiten konnten.
6. e4-e5 Sf6-d7
Genau, was wir erhofft hatten; aber 6. .. d6xe5 konnte er kaum spielen - wegen der Tomate. Vor unserem sechsten Zug haben wir aus der Innentasche einige Sandwiches gezogen, die wir nun genüßlich verspeisen. "Hatte leider keine Gelegenheit, vor dem Spiel einen Bissen zu mir zu nehmen", erklären wir, während wir das Brett mit Brot und Käse vollkrümeln. Ein großes Stück Tomatenhaut, das wir ostentativ aus den Zähnen puhlten, haben wir am Königsbauern kleben lassen, als wir ihn vorwärts zogen.
Man sieht, daß 6 .. d6xe5 nicht in Betracht kam: Er wäre nicht einmal im Traum auf die Idee gekommen, seine Hände mit diesem unappetitlichen Bissen zu beschmutzen.
7. h2-h3 3/4 !
Zugegebenermaßen wäre auch 7. h2-h4 völlig in Einklang mit unserer Strategie, aber es ist flexibler, sich die Möglichkeit eines defensiven 7. h2-h3 offenzuhalten, falls wir es uns im nächesten Zug anders überlegen sollten. So bleibt uns immer noch die Möglichkeit, den Bauern bei bedarf zurück auf h3 zu rücken. Weniger genau wäre 7. h2-h3 1/2 , wonach der Gegner sicherlich die sofortige Klärung der Stellung verlangen würde. Solch ein Zug mag jedoch häufig im Endspiel gerechtfertigt sein, wo man im Wettlauf von Freibauern oft wertvolle Tempi sparen kann, indem man h2-h4 gefolgt von h4-h5 1/2 und h5 1/2-h7 spielt und so die Dame einen Zug vor dem Gegner erhält.
7. .. c7-c5
Häuptling Eng-Auge versucht wieder mal, im Zentrum zu spielen, aber wir werden ihn bald zum Schielen bringen. Justieren wir den Bauern also endgülig fest auf h4 und spielen:
8. h4-h5 c5xd4
9. h5xg6 d4xc3
10. Th1xh7 c3xb2
11. Lf1-c4!
Während sein hungriger Bauer immer mehr in Richtung a-Linie irrt, wird es für ihn ständig schwieriger, sowohl diese als auch unsere Attacke im Augenwinkel zu behalten. Außerdem ist ihm hier eine günstige Gelegenheit gegeben, seine Arme auszustrecken, dadurch wird es ihm sehr schwerfallen, sie für defensive Aufgaben zurückzuziehen.
11. .. b2xa1 D
Dies bringt sicherlich Probleme mit sich, denn es dürfte sehr fraglich
sein, ob er noch eine zweite Dame im Haus hat. Wir improvisieren, indem wir
eines seiner besten Sherry-Gläser nehmen, umdrehen und einen Bauern obendrauf
stellen.
12. g6xf7+ Kg8xh7
Einige Kritiker bemängelten nach der Parie die gesamte Kombination, da 12. .. Tf8xf7 den ganzen Angriff widerlegt und für Schwarz gewonnen hätte; dabei übersehen sie den entscheidenden Punkt: Er mußte den Turm nehmen, um ihn von der Asche zu säubern. Man kann leicht feststellen, daß der Königsturm im Anfangsstadium der Partie ideal steht, um ihn als Aschenbecher zu benutzen (beziehungsweise für Bonbonpapier, falls sie Nichtraucher sind).
13. Sf3-g5+ Kh7-h6
14. Ke1-e2!
Schwarz hat nun keine Verteidigung mehr. Er muß sich nicht nur mit der Drohung 15. Dd1-h1 auseinandersetzen, sondern auch das zusätzliche Problem lösen, wie er die Marmelade wieder vom Filz entfernt. Unser letzter Zug plazierte das weiche Unterteil unseres Monarchen auf den Thron von Himbeermarmelade, die gerade aus unserem zweiten Sandwich auf das gläzenden Brett getropft ist. Doch nicht nur das; Opferov ist bereits in Zeitnot (denken Sie daran, es ist unsere Uhr). Diese Spannung ist natürlich zuviel für ihn; er bricht zusammen:
14. .. Sd7xTomate
Er konnte den Anblick der Tomatenhaut nicht länger ertragen, die sich um das Haupt unseres Königsbaurern wand. Er mußte einfach genommen werden. Aber nun ist es leicht für uns:
15. Dd1-h1+ Kh6-g6
16. Dh1-h7+ Kg6-f6
17. Sg5-e4 matt !
Die Schlußstellung ist die passende Grabinschrift für unseren unglücklichen
Gegner. Obwohl zahlenmäßig weit unterlegen, konnte die gute Seite
durch überlegenen Geist triumphieren.